Vom Konsumieren ins Kreieren.

Kinder lernen ohne Zwang – und schreiben plötzlich 160 Seiten

Ein Junge wird für drei Monate von der Schule ausgeschlossen. Drei Monate später hält er ein selbst geschriebenes Buch mit 160 Seiten in den Händen. Was passiert, wenn Erwachsene aufhören, Kinder ständig lenken zu wollen, und anfangen, ihnen wirklich zuzuhören? Eine Begegnung auf einem Permakulturhof im Schweizer Jura.
Aukse im Gespräch mit Nicolas Barth und Regula Reist auf ihrem Permakulturhof in Soubey im Schweizer Jura während der ersten Podcast-Folge von Aukses Familienwelt.
Beim ersten Podcast von Aukses Familienwelt sprechen Nicolas Barth (Permakultur-Bauer) und Regula Reist (Pädagogin und ehemalige Leiterin einer freien Privatschule) mit Aukse über freies Lernen, Familie und ein selbstbestimmtes Leben.

Es war mein Geburtstag, als wir bei Nicolas im Garten saßen. Das war keine Absicht. Es hatte sich einfach so ergeben, dass wir genau an diesem Tag zusammenkamen, in diesem kleinen Tal im Schweizer Jura, wo die Zeit, wie Nicolas selbst sagt, ein wenig langsamer vergeht.

Ich wusste damals noch nicht, dass ich an diesem Nachmittag eine Geschichte hören würde, die mich bis heute begleitet. Eine Geschichte über einen Jungen, über Vertrauen und über die Frage, was Lernen eigentlich sein kann.

Weil wir ohnehin alle zusammen waren, gründeten wir an diesem Nachmittag auch noch den Verein Focus Soubey. Zwischen Kaffee, langen Gesprächen und Blicken über den Hof entstand etwas Neues. Vor allem aber begann für mich ein anderes Verständnis davon, was es bedeutet, wenn Kinder aus eigener Neugier lernen dürfen. Ich hatte diesen Gedanken schon oft gehört. Bei Regula und Nicolas konnte ich zum ersten Mal erleben, wie er sich im Alltag anfühlt.

An diesem Nachmittag habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, was es heißt, wenn Kinder lernen ohne Zwang – ich hatte den Satz vorher oft gehört, aber erst bei Regula und Nicolas gesehen, wie er sich anfühlt, wenn ihn jemand tatsächlich lebt, statt ihn nur als schöne Idee vor sich herzutragen.

Regula Reist hat über zwanzig Jahre eine freie Schule geleitet, bevor sie sie 2020 geschlossen hat. Nicolas ist Bauer, war früher viel unterwegs auf der Welt, hat mit anderen Familien versucht, hier in Soubey ein Ökodorf mit eigener Schule aufzubauen. Beide haben also nicht bloß eine Meinung zu Kindern und Bildung entwickelt, sondern über Jahre daran gearbeitet, mit allem, was dazugehört, auch mit dem, was nicht funktioniert hat. Das war mir wichtig, als wir das Gespräch aufgenommen haben. Ich wollte keine Theorie hören. Ich wollte wissen, was passiert ist, wenn man es wirklich ausprobiert.

Ein Junge, ein Buch, 160 Seiten

Regula hat mir eine Geschichte erzählt, die ich seither immer wieder im Kopf habe. Ein Junge, zehn Jahre alt, hatte drei Monate Schulausschluss. Seine Mutter, alleinerziehend, musste arbeiten und wusste nicht, wohin mit ihm. Sie hat bei Regula angerufen, gefragt, ob der Junge für diese Zeit kommen dürfe. Regula hat gesagt, sie müsse ihn erst sehen. Und als er da war, hat sie ihn nicht gefragt, was er nachholen muss oder wo er im Stoff steht. Sie hat gefragt, was er liebt. Er schreibe gerade an einem Buch, hat er gesagt. Dann nimm es mit, hat sie geantwortet, und schreib, so lange du willst.

Der Junge hatte am Ende der drei Monate 160 Seiten geschrieben. Er hat angefangen, den Kleineren Französisch beizubringen, weil er darin gut war. Er hat mathematische Knobelaufgaben gelöst, aus eigenem Antrieb. Und er hat später die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium bestanden – der Junge, dem drei Monate zuvor niemand mehr etwas zugetraut hatte.

Ich sitze da, höre das, und muss an meine eigene Tochter denken. An die Ganztagsschule, an die Wochen, in denen sie mir sagte, sie habe keine Zeit für sich selbst. Und daran, wie sie sich am Ende auf YouTube das Schminken selbst beigebracht hat, weil das das war, wofür sie brannte, und nicht, weil ich es ihr vorgeschlagen hätte. Ich hätte ihr diese Schuhe, die sie sich damals ausgesucht hat, wahrscheinlich nie gekauft, wenn es nach meinem eigenen Geschmack gegangen wäre. Ich habe es trotzdem getan, weil mir klar wurde, dass das nicht meine Entscheidung war. Ein paar Jahre später stand sie auf einer Beautymesse in Düsseldorf, unter zwölf Konkurrentinnen, und hat den dritten Platz gemacht.

Ich will damit nicht behaupten, dass alles gut wird, sobald man nur genug loslässt – das wäre eine billige Versprechung für jemanden, der gerade verzweifelt vor seinem Kind sitzt und keinen Ausweg sieht. Was mich an beiden Geschichten wirklich beschäftigt, ist etwas anderes: wie viel Aufmerksamkeit es braucht, um zu erkennen, was in einem Kind bereits da ist, bevor man anfängt, über das zu reden, was ihm angeblich fehlt. Das ist harte Arbeit, keine bequeme Laisser-faire-Haltung, und genau das geht in der Debatte um freies Lernen oft unter.

Weniger Erziehung, mehr Beziehung

Das ist ein Satz, den ich schon lange mit mir herumtrage, und im Gespräch mit Nicolas kam er wieder hoch. Er hat es so gesagt: Solange ich jemanden zwingen kann, muss ich mich nicht um seine Meinung kümmern. Sobald ich nicht mehr zwingen kann, muss ich in Beziehung gehen. Das gelte für Kinder genauso wie für eine Ehe, meinte er, und ich musste lachen, weil es so banal klingt und trotzdem so selten wirklich gelebt wird.

Was mich an dem Nachmittag am meisten beschäftigt hat, war aber gar nicht dieser Satz, sondern wie offen Regula und Nicolas über ihr eigenes Scheitern gesprochen haben. Nicolas hat erzählt, wie seine Frau mit den Kindern ging, als die sieben waren, und wie schwer es ihm damals fiel, Grenzen zu setzen, authentisch zu bleiben, ohne in die eigene Wut oder die eigene Angst zu kippen. Regula hat von einem Moment erzählt, in dem sie ihre eigenen vier Kinder aus einem Fußballspiel mit anderen Kindern herausgeholt hat, weil zwei von ihnen nicht mitspielen durften – und wie ihre älteste Tochter ihr danach gesagt hat: Mama, wenn wir jetzt gar nicht mehr Fußball spielen dürfen, können wir doch nie üben, damit umzugehen. Regula hat ihre Entscheidung zurückgenommen, vor ihren eigenen Kindern.

Das ist für mich der eigentliche Kern dessen, was ich mit dieser Familienwelt aufbauen möchte: der Mut, vor den eigenen Kindern zuzugeben, wenn man danebenlag, auch wenn das unbequemer ist, als eine fertige Antwort parat zu haben.

Warum ich das alles erzähle

Wir haben an diesem Nachmittag über zwei Stunden geredet, mit allem, was dazugehört, auch mit den Umwegen und den Momenten, in denen wir einfach nur staunend nebeneinander saßen. Ich habe das ganze Gespräch als erste Folge unseres neuen Podcasts aufgenommen, „Aukses Familienwelt“. Wer mag, kann es sich in voller Länge anhören oder ansehen – ich warne vor, es ist kein schnelles Format, aber ich glaube, wer sich die Zeit nimmt, bekommt mehr mit als eine Zusammenfassung je geben könnte.

Ich glaube inzwischen fest daran, dass Kinder lernen ohne Zwang können, wenn wir ihnen dafür die richtigen Bedingungen geben. Nicht ständig, nicht in jeder Situation, aber in genug Momenten, dass es zählt und dass sich langfristig etwas verschiebt – bei ihnen wie bei uns.

Der Verein, den wir an diesem Tag gegründet haben, Focus Soubey, ist inzwischen mehr als eine Idee. Im Oktober planen wir eine Familienerlebniswoche genau hier, auf diesem Hof und in diesem Tal, mit Brotbacken, mit dem Fluss, mit Kindern, die einfach mal wieder in die Bäume klettern dürfen, ohne dass jemand ihnen sagt, wie sie das richtig zu tun haben. Mehr dazu bald. Für heute reicht mir, dass ihr wisst, wo diese Geschichte angefangen hat – in einem Garten, an einem Geburtstag, bei einer Frage, auf die ich immer noch keine fertige Antwort habe: Was ist eigentlich Freiheit, wenn wir sie unseren Kindern geben wollen?

Die Podcast-Folge in ganzer Länge